Hirnfühler und Maikäfer

von Janus Zeitstein:

Die beiden Regierungsparteien im Land der Herzdenkermenschen waren einer großen Idee auf der Fährte, die sie mit aller technischen Vollkommenheit, der man im Lande fähig war, umzusetzen gedachten.

Aus Bauernkalendern wusste man, dass Schaltjahre Katastrophenjahre waren und die Wissenschafter der renommiertesten Institute waren einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, auch wenn Reinhard Mey in seinem Lied vom Gegenteil sang, dass nämlich das heurige Jahr eine nie erlebte Invasion von ausländischen Maikäfern mit geradezu epidemischen Ausmaßen bringen würde.

Schon früher traten die Maikäfer oft in Scharen auf. Abends konnte man sie beobachten, wenn sie ausschwärmten und wurden in jenen Tagen gerne Hühnern als Leckerbissen ins Futter gemischt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts jedoch wurden die Maikäfer chemisch bekämpft und Österreich war seit geraumer Zeit „Maikäferfrei“.

Doch je mehr der Boden sich erwärmt, desto besser gedeihen die Larven im Boden. So kommt es dann zu einem großen Auftreten der Käfer. Die Experten sprechen dann auch von einem “Hyperflugjahr“. Die Maikäfer können manchmal ganze Wälder nahezu kahl fressen und ihre in der Erde lebenden Engerlinge richten oft noch größere Schäden an, weil sie Wurzeln von Pflanzen und vor allem von Jungbäumen als Nahrung brauchen.

Die Nachrichtendienste und Universitätsnetzwerke wussten, dass wegen der sommerlichen Frühlingstemperaturen die Maikäfersaison in den angrenzenden Ländern heuer sehr früh begonnen hatte. Die Tiere würden bald ihren “Reifefraß” durchführen. Online-Maikäferflug-Meldeformulare bestätigten die Befürchtungen.

Um sich gegen den klimabedingten Zuflug dieser ausländischen Spezien zu wappnen, wie er bereits in der Schweiz beobachtet worden war, entwickelten österreichische Forscher zusammen mit der VÖEST und den Lenzing Textilfaserwerken eine Grenzzaunlösung, wo käferundurchlässige Netze durch Ballons stabil in der Luft gehalten werden konnten.

Einen Maikäferzaun um Österreich spannen, das war die Devise, auch wenn es immenser Investionen bedürfe, koste es was es wolle, die österreichischen Wälder müssten vor dieser Plage geschützt werden!

Von der Opposition der Hirnfühlermenschen, die sich selber an die Antennen der Tiere erinnert fühlten, wenn sie in den Spiegel schauten, kam der Vorschlag, die riesigen Fangtücheran den Enden zusammenzuknoten und die Tierchen dann abzutransportieren. Maikäfersuppe aus Oma’s Zeiten, wo man den Käfern die Flügel und die Beine abreißt und die Körper grob zerstößt, sie in etwas Butter röstet und dann durch ein Sieb passiert, könnte der Tourismusindustrie einen ohnedies nötigen Schub geben. Auch gezuckert oder kandiert würden die Käfer jeden Gaumen erfreuen, ja manche behaupteten sogar, dass sie ein Aphrodisiakum enthielten.

Die Regierung wollte in jedem Fall alles daran setzen, um die Tiere außer Landes zu halten, sie idealerweise schon an der Grenze abfangen. Der Umweltminister brachte das Dolbearsche Gesetz ins Spiel, mit dem über die Flügelschläge bzw. Zirplaute der Tiere das Vermehrungspotential der Tiere berechnet werden konnte. Und laut den eingegangenen Zahlen war das Bedrohungsrisiko so groß wie nie zuvor.

Deshalb bedürfe es eines nationalen Schulterschlusses, meinten die Regierungskoalitionäre, alle verfügbaren Nähmaschinen des Landes müssten zusammenwirken, um zeitgerecht mit den waldlebenswichtigenAbschottungsmaßnahmen beginnen zu können. Denn ohne Wald kein Sauerstoff. Über eine Notverordnung wurden nun alle Fabriken im Land und selbst die kleinsten Nähstuben und Schusterwerkstätten angehalten, sich an der vaterländischen Nähaktion zu beteiligen.

Kein anderes Land auf dem Kontinent hatte so gründlich und mit soviel Verstand auf die Bedrohung reagiert. Ja man war der Zukunft hastig zuvorgekommen.

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