Die Liebe teilt das Brot

von Janus Zeitstein:

Letzte Woche war ich in der Steiermark bei Freunden auf einem Bauernhof. In der Nacht verspürte ich das Verlangen spazieren zu gehen, fast von selber zog es meine Schritte immer tiefer in den nahen Wald. Ich sah eigentlich nichts, es war stockdunkel. Das Gelände wurde unwegsamer, mit jedem Schritt wurde das Dunkel finsterer, schwärzer. Aber es zog mich immer weiter, wie von einem Magneten angepolt lenkte es mich in die Nacht.

Als ich endlich zum Stillstand kam, bemerkte ich einen heller werdenden Schein, der von Moment zu Moment strahlender wurde. Gebannt von diesem Licht verharrte ich und merkte, daß sich engelhafte Wesen aus dem Glanz lösten. Aus ihrer Mitte rief mich eine scheinbare Gottheit, ihr zu dienen und beauftragte mich, Freude unter die Menschen zu bringen und nahm mir das Versprechen ab, nüchtern zu leben und alle irdischen Bande zu lösen und meine Energie zum Helfen zu verwenden, mit meinen Gebeten Kranke zu heilen. Ich sah das Licht, die einzige Konstante im Weltenraum und verspürte eine Kraft der Freude und der Liebe. Aus dem Schein löste sich das Bild eines indischen Gurus, Babatschi, der vor Jahren freiwillig seine körperliche Hülle verlassen hatte und in dessen Gefolge Ashrams gegründet wurden.

Seine Botschaft an mich war klar und unmißverständlich, ich bekam den Befehl gegen die Schwarzmagier unserer Zeit anzukämpfen, vor allem gegen die Unternehmungen des Engelwerkes, das in Pater Finister einen sehr starken Kopf gefunden hatte, der vom Vatikan aus die exorzistischen Exzesse steuert und der jetzt eine Voodookönnerin an die Spitze dieser Organisation gestellt hat. Das Opus Sanctorum Angelorum ist die Kehrmaschine der Kirche, die versucht die lästigen Geister wegzufegen, wie ein Geheimdienst, dessen Agenten beauftragt sind die Systemkritiker mundtot zu machen und zu lähmen, wenn nicht gar umzubringen. Ein Freund, der in die astralen Sphären Eintritt gefunden hatte war ihnen ein besonderer Dorn im Auge, ein moderner Ketzer. Drama und Katharsis warteten.

Im Wald wurde mir bewußt, daß das persönliche Schuldgefühl, das einen oft nur schwer eine Behauptung widerrufen läßt, häufig dazu führt sich zu spät für etwas zu entschuldigen, meistens erst dann, wenn es schon zu spät ist. In vielen Fällen kommt die große Bitte um Vergebung erst auf dem Totenbett. Weil man immer gedacht hat und versuchte eigene Vorstellungen auszuweiten. ‘Die Welt ist vom Teufel geschaffen und an sich böse. Nur indem man dem Weltlichen entsagt, vermag man den teuflischen Mächten entgegenzuwirken.’ Woher diese Gedanken? Mir kam das vor wie eine dualistische Moral aus Bulgarien. ‘Heute wird die Allmacht der Kirche noch genauso von den Banken und Regierungen untermauert, die althergebrachte Hierarchie läßt sich aus fast allen gesellschaftlichen Verbänden herausfiltern, Pyramiden der Sanktionierer. Die oberste Instanz muß alles gutheißen, Rückmeldung an die Basis und anschließend Aktion. Damit wird jeder volksnahen Bewegung sofort die Spitze genommen. Aber gibt es andere Möglichkeiten?’

Neue Gedanken strömten aus dem Lichtschein: ‘Wir verlieren uns in Alltäglichkeiten und egomantischen Meditationen. Obwohl wir uns mit den unvorstellbarsten Fantasien befassen, gibt es keinerlei Utopien, die besprochen werden. Das Rundherum in dem wir stehen, scheint allen Wettern festzuhalten, schwach wird daran von Katastrophen gerüttelt. Wir sind zurückgedrängt worden in unser „Selbst“, wahrscheinlich von der Psychoanalyse, und finden kaum mehr die Motivation zu gesellschaftlicher Veränderung. Die Wirtschaft des „laissez faire“ beruht genauso auf hierarchischen Strukturen wie die politische Verwaltung und spirituelle Ordnungen. Das Chaos wird mit allen Mitteln ferngehalten, weil es so unberechenbar ist.’

‘Wir rechnen mit Geld, unser ganzes Leben wird daran gemessen. Wenn Du in der Mönchskutte betteln gehst bist Du arbeitsscheu oder verrückt. Auch Dein Körper gehört Dir nicht, er ist lediglich die Hülle für Deinen Geist, der aus dem Licht kommt und mit ihm geht, ewig ist sein Licht. Sein Scheinen sind die Fragen, die wir wieder und wieder entdecken, unendliches Fragen, ewiges Hoffen. Wahrscheinlich ist die Antwort so einfach, daß kein Mensch daran denkt.’

In der Dunkelheit verstand ich die Muster meines Lebens, die Facetten und Strukturen von denen es eingefasst und die ich nicht aufzulösen vermochte. Doch ein Lächeln und Freude überwanden diesen Schmerz.

‘In Liebe finden wir das Paradies, in ihr findet sich der Sinn. Doch aus Liebe töteten Töchter ihre Väter, schliefen Söhne mit der Mutter, spiegelt sich die Sonne im Mond.’

Aber stillt sie den Hunger der Ärmsten und den Durst der Sklaven und Unberührbaren?

Wie die Zellen im keimenden Korn, teilt die Liebe das Brot. Massen erblühen zu gewaltiger Kraft und beginnen zu fragen.

Mein Geist ging auf Reisen und ich voller Sehnsucht zurück auf den Bauernhof. Würden meine Wünsche je in Erfüllung gehen oder noch mehr unstillbares Sehnen bringen?

Laut unserer körperlichen Wahrnehmung gibt es keine Radiowellen und Röntgenstrahlen, auch der Bereich der Lichtwellen ist uns von unseren Sinnen her nicht zugänglich.  Und der Geist, vielleicht wird es eines Tages Gerätschaften geben, die ihn aufspüren können.

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