Wiener Kaffeehausnotiz

von Janus Zeitstein:

Kellnerin: Bitte, gnädige Frau!
Gnädige Frau: Haben wir endlich Sommer, jetzt?
Kellnerin: Ja, für morgen hat er schön gemeldet, bitte, aber ich hab’s nicht selber gehört, gnädige Frau, hat mir heut Morgen jemand gesagt.
Gnädige Frau: Danke schön.

Die Hitze glost und glimmert über die Ringstraße, ein wolliger Samen steht in der Luft, von welchem Baum, Linde, Ahorn? Hohl und metallig gleitet das Eisenrauschen der Tram, wird stärker und stärker, bis auf die Höhe des Ohres, dann blendet es sich in die Schwüle, verlischt im Lärm eines jaulenden Mopeds. Autos starten, Motoren feuern, ein Tuckern und Hissen unter der Dunstglocke der Sonnenglut, die wie ein Schalldämpfer über diese Geräuschkulisse gestülpt ist. Wird wohl ein paar Wochen so bleiben.

Eine rumänische Landfrau, Kopf betucht und zwischen die Schultern gezogen, schiebt sich schweren Schrittes und erhobener Stimme durch das Blickfeld, ihr widerspenstiges Kind, das trotzig motzt, im Schlepptau. Eine Nasenlänge weiter das städtische Gesundheitsamt, wo die Schönen der Nacht durch das mächtige Tor hinein perlen, um ein paar Schatten später gestempelt und frankiert, unsicher auf den hohen Absätzen im Tageslicht, wieder in die schneidende Helle zu stöckeln.

Wo einst Geschäftsleute ihre Schritte mit Handwerkern kreuzten, Glasern und Schlossern, wo ein Metzger vor seinem Laden rastete, die Hände über seinem Schmerbauch verschränkt und unter der Himmelsglut paffend Atem holte, als wäre er schwanger. Almdudler, Imbiss, Feinkost-Spezialitäten, Bier vom Fass, Kaffee und Eis verkaufte damals der Fleischer. Im Schaufenster daneben stand eine Magnum Moët & Chandon in der Auslage des Zuckerbäckers vor einem zweistöckigen Drehteller mit Marzipankätzchen und Schokolademäusen, es gab noch Aschenbecher in Tischplatten eingelassen, wie Guckaugen in die Tiefe der Unterwelt. Die Geschäfte sind mittlerweile verschwunden, sind Hotels gewichen.

Weiter schielt das Auge, bohrt sich zwischen den Zinnen einer Backsteinkaserne in das blassgraue Firmament. Oh, wie schön ist Viennetta, ein Lippizaner schwebt durch die Luft, Mozart im Sattel, über ihm eine Klangwolke voll digitalisierter Violinen,
Laserprojektionen, Hologramme, Fast-Wirklichkeiten, die man aus seinem Kaffeehausstuhl im Café an der Straße erblicken könnte. Dazu Bruckner und das blechige Tackern eines alten, hellblauen VW Buses, der auch ein Amphibienfahrzeug sein könnte. Aber es fehlen die Schiffsschrauben. Und die Donau ist ein gutes Stück Weg weit entfernt.

Unter einer vermeintlich dicken Haut wirken die Wiener oft unnahbar, hinter höfischer Anmut rassistisch und eingebildet, wie kleinkarierte Möchtegerngroßbürger, die melancholisch und wehmütig hirnlosen Bauchrednern an den Lippen hängen. Zynisch und rechthaberisch verstecken sich unter den Schnörkseln der Ringstraße, wenn es möglich wäre, imperialistische Anwandlungen in titelgeilen, ämterheischenden Geheimniskrämern, die aus dem Kaffeesud die Kultur erkennen. Sie bewundern Possenreißer und Machenschaftler, Duckmäuser und Schleichhändler. Allesamt analfixierte Reinlichkeitsfanatiker, die Fürze vermeiden und trunken, von der Vergangenheit geblendet, ihrem Würstelfetischismus nachhängen. Große Anspieler und auch Schauspieler, Operndiven, alle findet man dort.

Setzt man jedoch den Fuß auf den Straßenrand oder setzt sich neben ein Blumenbeet im Park und man wird dabei von einem Sicherheitsorgan erwischt, droht einem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, die wahrscheinlich mit Grenzsicherheit zu tun hat, eine mögliche Haft, ja öfter gar die Einlieferung in eine der zahllosen Heilanstalten der Stadt, die, wie es heißt, voll mit solchen Begehern und -tretern und -sitzern sein sollen. Zum Glück gibt es große Gotteshäuser, in die man sich beretten kann.

Kellnerin: Bitte, gnädige Frau möchten zahlen?
Gnädige Frau: Na endlich!
Kellnerin: Bitteschön!
Gnädige Frau: Das nächste Mal ein bisserl mehr Aufmerksamkeit.
Kellnerin: Gerne, gnädige Frau, gerne.

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