Talfes – Gewinnlerboden

von Janus Zeitstein

Über zahllose Windungen an einer überhängenden Mauerböschung entlang rollt der Ankömmling auf ein Sonnenplateau; zumindest während der Sommermonate glüht dort ein idyllisches Licht.

Nach der ersten Biegung in das alten Bauerndorf, zweigte nach rechts ein kirschbaumgesäumter, unter den Schottersteinen ächzender Feldweg ab. Über diesen erreichte man die „Farm“.

So nannten die wenigen alten Einheimischen das Ansitz des mächtigen Baulöwen, ein stechpalmenwaldiges Erinnerungsstück, ein schreiender Hinweis, dass es ein andere Welt gab, aus der sich immer wieder Helden in den kleinen Mittelgebirgsknoten verirrten.

Nörglerische Ortsansässige hatten jene sogar ‚Einkaufstaschen‘ getauft, allein sie waren wahre Shopping-Container, sie waren die Helden der Wirtschaft, Großaquisiteure von Ländereien, Filmproduzenten und Filmtycoons, Steuerkenner und Rechtszungen, erfolgreiche Menschen in den Augen der Einheimischen, unsagbar Reiche die sich zu gemeinsamen Kutschenfahrten auf dem Gehöft einfanden. Wenn sie in Residenz waren stand der Ort ‚Spalier‘ und reichte in allem seine selbstvolle Hand, versuchte sich mit den Helden aus jener sagenhaften Welt auf guten Fuß zu stellen.

Der Bürgermeister wagte zu diesen großen Tagen kaum vom Ort abwesend zu sein, für den Fall, daß einer der Helden etwas von ihm benötigte.

Nicht weit von diesem wunderbaren Bauernhof, vielleicht eine halbe Gehstunde entfernt, in einem kleinen Seitental, das sich eine gewisse Wildheit erhalten hatte, reckte eine größere Schutzhütte ihr stolzes Dach in die Natur, fest auf schweigenden Granitblöcken gegründet, an einem tosenden Wildbach, der laut unter dem urtümlichen Erkerabort rauschte. Eine Schlafkammer mit Matratzenlager und ein großer getäfelter Aufenthaltsraum der auch Speisezimmer war und ein Nebengebäude das etwas von einer alten, hölzernen Kegelbahn hatte, störten kaum die friedliche Ruhe der grasenden Kühe. Munteres Lachen braungegerbter Bergfexen echote fünffach von Azaleenmatten zurück, verhallte auf von Kuhhufen durchlöcherten Steigen, an schlammigen Furten durch zahllose Rinnsale, die sich von den Berghängen talwärts zwängelten.

In dieser Schutzhütte wohnte der Förster, der dieses Gebiet in seiner Obhut hatte. Er war bestimmt schon über siebzig Jahre alt, immer mürrisch, nie ein gutes Wort für keinen.

Als Wildhüter und Pilzesammler brauchte er sich auch wirklich von niemandem etwas sagen zu lassen, er war eine Koryphäe, zu recht. In seinem unwirschen Gehabe lag dennoch etwas Liebenswertes, nie war er verletzend, stets an Messers Schneide, auf einem Hochseil, forderte er sein Gegenüber bis zum Äußersten. Sein Wissen um die Natur und Zusammenhänge des Lebens äußerten sich in oft zynischen Bemerkungen; es wurde ihm eine natürliche Objektivität nachgesagt, das genaue Gegenteil eines Orakels. In seinen Worten gab es keine Zweideutigkeit, er hatte seinen Blick an dem des Adlers geschult. Und sein Verstehen stand seinen Augen in keiner Weise nach.

Die Schutzhütte war ein Treffpunkt für alle, die mit dem Ort auf erdig zugeneigte Art verbunden waren, denen das Bauerndorf auch ein Tor in die Natur bedeutete.

An einem jener lichtdurchwirkten Sommertage brüllten zwei Handvoll solcher Naturfreunde durcheinander, versammelt um einen langen Tisch, warfen sich Beschuldigungen an die Köpfe, jemand hätte sie verraten und verkauft, niemand sei mutig genug gewesen etwas zu sagen.

Dabei ging es um den Bau der neuen Seilbahn, über deren Planung oft gemunkelt worden war, keiner aber so recht geglaubt hatte, schon gar daß ihre Ausführung im bestehenden Bauverbot je durchkäme.

Drei Tage und vier Nächte, eine Blitzaktion und die neue Anlage stand am Berg. Fast stillschweigend war sie in die Landschaft gewachsen. Und jetzt gab es natürlich heiße Debatten, wie so etwas hatte geschehen können.

Auf der Hazienda mit den Pferdeställen wurde Champagner kredenzt und Happen mit Alpenshrimps und Flussgarnelen nach leckeren Rezepten aus der großen weiten Küchenwelt. Schwarze Schürzen und noch schwärzere Bandanas, die Berge brachen sich hundertfach in Kristallgläsern und spiegelten sich auf Silberplatten, die vor Früchten und exotischen Kostbarkeiten übergingen.

In der Hütte der Naturfreunde Bier und Schnaps und Graukäs mit Schwarzbrot.

Jemand redete von Zündschnüren und Patronen.
Die Nacht war lau und sternenklar.

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